Roger Willemsen
Ringelnatz ist ein Solitär. Er ist nicht gewachsen, wo die Dichtung wächst, und was Dichtung ist, das bestimmt er so eigenmächtig, als hätte es vor ihm keine gegeben. Nicht aus Anmaßung tut er das, sondern weil er auf einem Fleck lebte, dem die Welt aus einem ganz anderen Einfallswinkel zugänglich war.
Ringelnatz kommt von außerhalb, bleibt außerhalb und er wird geliebt von Menschen, die allenfalls über Umwege zur Lyrik gelangt sind. Umwege wie die Seefahrt, die Jahrmarkt-Klopperei, die Fabel-Zoologie, das Kinderspiel. Was zuvor nicht einmal geistfähig war, bei Ringelnatz wird es poetisch. Bei ihm dichtet der Überschwang, der Kleinmut, die Alberei, die niedliche Seele, der Kraftprotz. Erhaben ist er nie. Wird er weise, wählt er die Kinderstimme, wird er sentimental, schickt er eine Grimasse hinterher.
Ringelnatz. Wer heißt schon „Ringelnatz"? Wer könnte mit einem solchen Namen „Über allen Gipfeln ist Ruh"dichten?
„Ringelnatz", der Name hat etwas Musikantisches, wie seine Dichtung. Etwas Halbseidenes auch. Aber das wirkt nur so, weil er einem Milieu zugehört, ein bißchen wie Walter Serner, und weil er seine turbulente Biographie geradezu als Echtheits-Nachweis mit seinem Werk verquickt. Man muß im Armdrücken gewonnen, einen Anker gelichtet, furchtbar betrunken gewesen und im Schoß der Hafenhure eingeschlafen sein, um „Ringelnatz" sein zu können. Man muß von der Liebe klein und bußfertig gemacht worden sein und muß auf große Männergesten verzichten können, man muß aus dem Gelächter mehr Kraft ziehen können als aus dem Bizeps, muß Dialekte und fremde Sprachen beherrschen, muß Bürgerschreck sein.
Ringelnatz – Nicht gerade ein Wahrzeichen der Moral, und doch lebt in diesem Werke so viel Zartes, und unter all der vermeintlichen Kraftmeierei kommt so viel Empfindliches, Gerührtes, auch Verletztes zum Vorschein, daß sich der Schutz des sensiblen Lebens geradezu als Imperativ anbietet.
Ringelnatz hat fast allein einer ganzen Generationen junger Leser die Lyrik schmackhaft gemacht, weil sie so gar nichts von Lyrik hatte. Er hat sie mit dem Gassenhauer, dem Nonsens, dem Jargon, der Schnulze versöhnt, hat Gefühle aufgefangen, wo man glaubte, sie nicht mehr Gefühle nennen zu können. Er hat den darstellbaren Menschen vollständiger gemacht. Er hat eine große Erleichterung durch die Schulklassen geschickt: o ja, auch so konnte Lyrik sein und auch so sprach sie Wahrhaftiges aus.
Muschelkalk hieß die Frau des Ringelnatz. Als sie 1952 für den Band 46 der noch jungen rororo-Taschenbücher eine Ringelnatz-Auswahl zusammenstellte, eröffnete sie den Band mit einem Gedicht überschrieben „Vier Treppen hoch bei Dämmerung“, und dieses Gedicht beginnt mit dem Vers: „Du musst die Leute in die Fresse knacken.“ Wer hätte je auf dieser Tonlage einen Lyrikband begonnen? Und was genau ist das: „In-die-Fresse-Knacken“? Weiß schon.
Ringelnatz eben.
Roger Willemsen
(Photo: Jim Rakete)
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